Kurzprosa


Die Straße, in der ich wohne, ist eine gerade Straße. Eine geradlinige Straße ohne Kurven oder Biegungen oder Abzweigungen, nein, um aus dieser Straße wieder heraus zu kommen, ist es nötig, durch sie hindurch zu gehen, bis zum Ende. Einmal habe ich einen Mann beobachtet, der versucht hat, aus dieser Straße wieder hinaus zu kommen, ohne den ewigen Weg durch sie hindurch zu nehmen. Er ist lange auf einer der Parkbänke gesessen, die zum Verweilen in der Straße einladen, weil die Straße eine Allee ist und die Bäume im Sommer Schatten spenden und im Winter die Straße zu einem Wunderland werden lassen.

(aus: Die Straße, Antho? - Logisch!)

Meine Großmutter war der Ansicht, dass das viel zu wenige Menschen tun. Atmen. Natürlich atme ich mein Leben lang. Wenn ich in der Minute elf Mal atme, sind das 660 Atemzüge pro Stunde, 15.840 Atemzüge pro Tag, 5.781.600 Atemzüge pro Jahr, und angenommen ich werde 83,91 Jahre alt, wie mir das die Statistik prophezeit, werde ich 485.134.056 geatmet haben bevor ich damit aufhöre.

(aus: Ein . Aus, EXPO 2015 BREATHE AUT)

In den Fenstern sind nur noch vereinzelt Menschen zu sehen. Dort, irgendwo inmitten leerer Plätze setze ich mich. Und den Zeitungsstapel setze ich neben mich. Draußen schrillt es. Dreizehn Uhr dreißig. Schon setzen wir uns in Bewegung. Ich überprüfe die korrekte Chronologie meiner Reisebegleitung, schließlich will ich über keine unliebsamen Vorgriffe in der vergangenen Ereigniskette stolpern. Ich setze meine Brille auf und vertiefe mich in meine Lektüre. Während ich Seite um Seite der Gegenwart nachfolge, verschwindet die gegenwärtige Landschaft zügig in der Vergangenheit.

(aus: RJ566, Landjäger Magazin No. 13: Alles wahr)

Ein Gefühl von Ohnmacht durchdringt meinen Körper. Ich zupfe in regelmäßigen Abständen an der Watte, die mir aus den Ohren quillt. So nach und nach. Das Dazwischen ist dumpf. Wird immer dumpfer. Nur ab und zu fährt mir ein stechender Schmerz zwischen die Augen, der mich erinnert. Ich bin da. Ich bin da irgendwie. Ich bin da irgendwie dazwischen. Und dazwischen ist ein Loch. Ein tiefer Graben. Niemandsland.

(aus: mitten unter dir, etcetera 44: drüben.)